„Wie eine große Familie“
Wer weiß schon was Aleviten sind? Landläufig wird diese islamische Strömung den türkischen Sunniten zugerechnet. Sogar in der Türkei wird so gedacht. Zur Zeit der Osmanen (bis 1918) erlebten die Aleviten Unterdrückung und Pogrome, als Reaktion zogen sie sich ins unzugängliche Anatolien zurück. Die moderne Türkei mit ihrer Trennung von Staat und Religion (Laizismus) kam den Aleviten entgegen, aber so richtig gleichberechtigt sind sie immer noch nicht. Das letzte Pogrom liegt erst 20 Jahre zurück. Weil sie von jeher benachteiligt waren, blieben sie meist arm. Aus diesem Potenzial kamen etliche der so genannten Gastarbeiter, auch nach Offenburg.
Die alevitische Gemeinde konnte, obwohl sie schon seit Jahrzehnten in Offenburg sind, erst 2005 ihr Gemeindehaus einweihen. Rund 800000 Euro wurden auf dem Erbpachtgrundstück in das Haus investiert. Fast alle der 800 Gemeindemitglieder haben dafür die Ärmel hochgekrempelt, noch heute sammeln sie für dieses Projekt Geld. „Wie ein Wunder“, kam ihnen damals – und noch heute – die Verwirklichung dieses Traumes vor, denn Cem-Häuser sind bis heute in der Türkei nicht selbstverständlich.
Ganze Familien und Dörfer haben sind hier angesiedelt, bis ins Kinzigtal, nach Lahr, sogar bis Straßburg, reicht das Einzugsgebiet. Die Jugend sammelt für Katastrophenhilfen und veranstaltet Fußballturniere. Jedes Wochenende trifft man sich im Cem-Haus, wie sie ihr Zentrum nennen.
Das Cem-Haus ist der natürliche Mittelpunkt der Gemeinde und regelmäßig finden hier Gottesdienste statt. „Gott ist in dir“, sagen sie. Sie fürchten ihn nicht, sondern nehmen ihn als liebenden Gott wahr. Die Gottesdienste dauern meist Stunden und sind geprägt von einer Tanz genannten Bewegungsmeditation und Lautenmusik sowie Gebet respektive Dichtkunst. Das sind die prägenden Elemente der Aleviten. Die Gemeinde hat eine Priester („Dede“), der seine Herkunft auf den Religionsgründer Ali bezieht. Mittlerweile üben auch Frauen dieses Amt aus.
Musik ist ihnen heilig und auch im Alltag immer präsent. Welche Kind oder welcher Jugendliche spielt nicht die Bağlama? Die Laute wird oft nur als „Saz“ (dt. das Instrument) bezeichnet, weil sie omnipräsent und schier alternativlos bei den Aleviten ist. Aber auch Gitarre wird mittlerweile unterrichtet, wobei ganz selbstverständlich Jungen und Mädchen in einem Raum üben. Auch getanzt wird zusammen. Jeden Freitag treffen sich Frauen und Männer um mit Ali Toprak Folkloretänze zu üben. Federnd bewegt sich der ehrenamtliche Tanzlehrer zur türkischen Tanzmusik mit ihrem Sound aus Widderhorn und Pauken. Auch wenn die religiösen Verpflichtungen vordergründig gering sind, die Gemeinschaft ist ihnen heilig. Wer Teil der Gemeinde ist, kommt gerne ins Cem-Haus, trinkt Tee, lernt Musik oder die alten Tänze oder bekocht die anderen. Wie eine große Familie.
Alevitische Lyrik
Der Freund ist unser Alles
Sein Körper ist unser Körper
Die Liebe ist unser Glaube
An etwas anderes glauben wir nicht
(aus 'Die ganze Welt dreht sich wie im Semah')
Von der ca. 80 Mio. zählenden Bevölkerung in der Türkei bezeichnen sich ca. 15-20 Mio. Menschen türkischer, turkmenischer, Kurdischer und arabischer Herkunft als Aleviten. In Deutschland wird die Zahl der Aleviten auf ca. 1000 000 geschätzt.
Das heutige Alevitentum entstand in dem Zeitraum 13.- 16 Jahrhundert in Anatolien. Seine Glaubensgrundlagen gehen jedoch zum Teil auf die Vor- und Entstehungsphase des Islam zurück.
Das Wort „Alevi“ bedeutet im Türkischen „Anhänger von Ali“. Ali war der Neffe und Schwiegersohn von Mohammed. Er war sein engster Vertrauter von ihm. Er wurde von Mohammed mehrfach als sein Vertreter und Nachfolger erwähnt und verkündet.
Aleviten glauben an eine heilige Kraft des Schöpfers, die an Menschen vor allem durch Mohammed und seinen Schwiegersohn Ali, sowie durch ihre Nachkommen bis heute übertragen wird. Danach wurde durch den Geistlich gelehrten Haci Bektas Veli das Alevitentum reformiert wodurch sich die Lebensweise der Heutigen Aleviten widerspiegelt. Dabei sind Ausschlag gebende Punkte die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Liebe zur Natur und das Universum.
Nach alevitischervorstellung ist die Menschen Seele Heillig, die Seelen kommen von Gott und gehen zurück zu Gott. Die Körper sterben jedoch nicht die Seelen. Allen Seelen ruhen bei Gott biss sie Gestalt annehmen und zur Welt zurückkommen, dieser Kreislauf dauert solange bis die Seele die Volkommung erreicht. Wenn Seelen sich noch nicht in diesem Kreislauf befinden, warten sie bei Gott darauf, dass ein neues Kind entsteht. Sowie auch Yunus Emre sagt die Körper sind sterblich, nicht die Seelen. Für Aleviten ist Mensch sein ohne Seele undenkbar.
Auch andere Geschöpfe haben eine Seele die ebenfalls im Alevitentum als unsterblich angesehen wird.
Aleviten glauben, dass jeder Mensch seine heilige Kraft, die eine Gabe Gottes ist, durch den eigenen Weg in sich entdecken kann. Gott hilft und gibt den Menschen Kraft, diesen Weg einzuschlagen. Aleviten schöpfen immer wieder Zuversicht aus dem Glauben daran, dass sie die heilige Kraft in sich haben und dass Gott ihnen die Kraft und den inneren Frieden schenkt, sich auf den Weg der Wahrheit zu begeben. Dieser Glaube ist die Quelle der Hoffnung auf Vervollkommung. (insanolmak-Menschwerden)
Der Weg des Menschwerdens wird den Aleviten in der Lehre gezeigt. Aleviten beten zu Gott nicht aus Furcht vor der Hölle oder aus Hoffnung auf das Paradies, sondern um seiner ewigen Schönheit willen und um mit ihm eins zu werden. Die Aleviten sprechen von „ Vier Toren“, die der Mensch zu durchschreiten hat, um seiner Bestimmung auf der Erde gerecht zu werden und um die vorhin beschrieben Entwicklung (die Annäherung zu Gott) zu erreichen. Die „Vier Tore“ sind:
1. Die Scharia
2. Der mystische Pfad
3. Das Tor der Erkenntnis
4. Die Warheit
Ein wichtiges Zitat von Haci Bektas Veli zur Richtlinien des vollendeten Menschen sind: Beherrsche deine Hände, deine Zunge und deine Lenden.
Artikel aus Offenburger Tageblatt, 27. Oktober 2022:


